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Oder: Alltägliche Sprachverhunzungen, die heimlich Einzug nahmen und nun unheimlich weit verbreitet sind. Und dabei lassen wir vong mal außen vor, LOL.

Als Texterin in einer Agentur für Kommunikation kann man sich zuweilen ganz schön kreativ austoben. Dennoch muss man natürlich ein paar Regeln einhalten – es sei denn, der Regelbruch wird als Stilmittel eingesetzt. Privat knete ich ja ständig an unserer Sprache herum, tausche Silben aus, verunglimpfe Begriffe, erfinde neue Ausdrücke … und integriere das Ganze in mein „Privatdeutsch“. Das hat dazu geführt, dass eine liebe Freundin von mir einmal sagte: „Mein Deutsch war ziemlich gut. Und dann lernte ich Dich kennen“. In meinen Augen ein Kompliment.

Dieses Herumgewurschtel im Privaten kommt mir in meinem Beruf durchaus zugute. Schließlich geht es hier auch vorrangig um einen kreativen Sprachgebrauch. Manchmal muss ich auch nicht kreativ sein, sondern einfach nüchtern Informationen auf den Punkt bringen. Was ich auch sehr begrüße, denn die Abwechslung gehört zu den Dingen, die ich besonders an meiner Arbeit schätze.

Was ich ebenfalls schätze, trotz meiner privaten Alternativsprache: korrektes Deutsch. Kein Witz jetzt. Tatsächlich kann ich da richtig pingelig bis penetrant sein. Und das nicht nur, weil ich meinen Job in dieser schönen Agentur behalten möchte. Beim Ernst hört bei mir der Spaß eben auf.

Ein wahrer Kampf zwischen Spaß und Ernst sind für mich zuweilen Neologismen*. Diese sind oftmals richtig gut, wie etwa „digitale Entgiftung“ – wunderbar, der Sinn da drin. Und manchmal grenzen Neologismen an Körperverletzung: „Simsen“ beispielsweise, da graut es mir. Wobei nicht alle Sprachverhunzungen Neologismen sind …

Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Artikels, nämlich zur Sprachverhunzung. Oh ja, ein böses Wort. Viel böser als das, was meist als solche bezeichnet wird. Mund-zu-Mund-Propaganda zum Beispiel. Klingt doch gar nicht so schlimm? Ist aber trotzdem falsch – oder war es zumindest. Dieser Begriff ist nämlich eine künstliche Züchtung aus Mundpropaganda und Mund-zu-Mund-Beatmung. Dennoch hat er vom Duden den Ritterschlag erhalten und ist seit einiger Zeit „richtig“. Einfach, weil er sich im Sprachgebrauch so richtig eingenistet hat.

Dabei gibt es in Deutschland – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wie Großbritannien beispielsweise – amtliche Regularien, die ganz klar darüber richten und informieren, was richtig und was falsch ist. Scheint nur immer weniger Menschen zu interessieren. Oder zu verwirren, schließlich steht im Internet so viel falsch geschrieben, dass der schmale Grat zwischen Gut und Böse zuweilen nur noch mit einem Mikroskop auszumachen ist. Übrigens, ich war einmal in einem Restaurant, da fragte uns der Wirt „Läse ihr net es Internet?“. Doch, doch. Auch, wenn es manchmal weh tut.

Aber ich schweife ab. Gesponsert vom Schleifstein Internet, sind mir ein paar weitere Dauerbrenner eingefallen, die wohl durch Abschreiben falscher Schreibweisen plus magischer Eigendynamik plus X mittlerweile kaum noch aus unserem Alltag wegzudenken sind – wenn auch wegzuwünschen:

Zumindestens – von Wikipedia zur „unzulässigen Wortkreuzung“ verurteilt, wurde hier „zumindest“ und „mindestens“ ineinander gewirrt. Kann man den kleinsten gemeinsamen Nenner, der durch „zumindest“ suggeriert wird, noch kleiner machen? Ja. Zumindestens, wenn man sich nicht an die Deutschregeln hält.

Anders, anderster, am anderstenstens oder so. „Anderster“. Wie kam das nur zustande? Kann man „anders“ wirklich steigern? Und wenn ja, warum sollte man das tun? Halt! Da fällt mir etwas ein: Thomas Anderster! Und schon ergibt das Ganze … ach nee, doch nicht.

Einzigster. Mit „zumindestens“ und „anderster“ die krasseste Steigerung, seit es Schokolade gibt. Wer ist noch einziger als einzig? Der Einzigste. Wird vielleicht demnächst eine weitere unnötige Fortsetzung von Highlander geben: „Highlander VI – es kann wirklichst nur einen einzigsten geben!“

Demletzt. Jetzt muss ich ein Eingeständnis machen: „Demletzt“ find ich voll gut. Vielleicht, weil ich als überzeugte Saarländerin auch gerne zum Spaß unseren wunderbaren Dialekt falsch ins Deutsche übersetze. Z. B. „Du bist aber ganz schön toopik“ für „Du bisch awa ganz scheen tòpisch**“, gnihiihii. Und „demletzt“ klingt wie eine gut gelungene Übersetzung von „delätscht“. Scheen.

Desto, desto. Hmm – eine „unzulässige Wortkreuzung“ von „je …, desto …“ mit Zohans „Disko, Disko“? Das wäre doch seidischglänzend! (Für alle, die den Film nicht kennen und diesen Abschnitt somit nicht verstehen: Schnell anschauen, sonst Bildungslücke 😉)

Gelantine. Unser Tipp: In Zukunft immer drauf achten, Gummibärchen mit Gelantine statt Gelatine zu kaufen. Mit einem zusätzlichen „n“ sind die noch viel leckerer. Aber mal im Ernst. Ich durchforste ja gerne die Zutatenlisten von allem möglichen Essbaren nach Dingen, die dort nicht rein gehören. Und im Internet sind mir in letzter Zeit viele besagter Listen mit „Gelantine“ begegnet. Mit wem hat sich die Gelatine denn da wohl eingelassen? Das wissen wohl nur die Götter…speisen.

Interlektuell. Vielleicht steht irgendwann im Duden dazu „aus dem Internet gelernt“. Und als Zusatz „gilt sowohl für richtige wie falsche Informationen – Hauptsache, die Quelle ist das Internet“.

So. Eigentlich wollte ich nach sieben Vokabeln einen Punkt machen, denn aller guten Dinge sind bei uns bekanntlich sieben. Aber der „Einfallspinsel“ ist einfach zu gut – schließlich passt der Begriff perfekt auf unsere ideenreichen Mitarbeiter. Lustigerweise ist er das genaue Gegenteil vom „Einfaltspinsel“. Das wäre mir glatt die Mühe wert, beim Duden mal einen Antrag auf Wortaufnahme zu stellen.

Zum guten Schluss packe ich mal meine im Alltag sowieso meistens präsente versöhnliche Seite aus … Denn auch, wenn der werte Zwiebelfisch*** die deutsche Sprache bereits auf vergnügliche Weise aufgeräumt hat: vor Sprachverhunzungen werden wir niemals sicher sein. Schließlich verwandeln sich ebensolche seit Sprachgedenken immer wieder in neue Kultur und neue Standards. Und hätte sich die Sprache nicht über Jahrtausende entwickelt, würden wir heute immer noch auf Dinge zeigen und „houh“ sagen, um uns mitzuteilen. Sei’s drum – ich bleibe trotzdem bei „Mundpropaganda“. 😉

PS: Wer sich – ob sattelfester Deutschkenner oder nicht – einmal die meist verbreiteten (und nicht „verbreitetsten“) Fehler im deutschen Sprachgebrauch zu Gemüte führen will, wird auf korrekturen.de ein kleines Paradies vorfinden …

*Neologismus = laut Duden ein „in den allgemeinen Gebrauch übergegangene sprachliche Neuprägung (2) (Neuwort oder Neubedeutung)“.

**tòpisch = saarländisch für ungeschickt

***Zwiebelfisch = Kolumne von Bastian Sick (u.a. Autor der Bücherreihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“) bei Spiegel.de.