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Es ist ein heißer Tag. Der Ventilator säuselt. Die Sonne brutzelt und es klingelt. In der Werbeagentur 8-Grad-Süd hebt Art-Directorin Rosa Bob den Hörer ab.

„8-Grad-Süd, Bob, guten Tag!“

„Guten Tag, Heinz hier!“

„Herr Heinz, schön, dass Sie bei uns anrufen. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“

„Frau Bob, ich würde gerne mit dem neuen Corporal sprechen!“

„Der neue Corporal?“

„Ja, dieser Corporal Design, der in den letzten Newslettern von 8-Grad-Süd vorgestellt wurde. Der, der unbedingt eine Rolle im Marketing einer Firma spielen soll und so.“

„Einen Moment, ich rufe gleich zurück.“

Pause und leichte Verwirrung bei Rosa, doch sie reißt sich zusammen: Jetzt schnell herausfinden, von wem der Kunde da eigentlich spricht …

Rosa rennt von Mitarbeiter zu Mitarbeiter. Sie will Infos über den Corporal erhaschen: Sie huscht in das Büro von Torben Texter, um ein Wort der Erkenntnis zu bekommen. Er ist sprachlos. Dann hämmert sie an die Tür von Armin Artig, der eigentlich immer eine Idee hat. Absolutes Krea-Tief! Sie wagt sogar die Reise nach unten ins Kellergewölbe zu Nadine Nerdig, doch auch die liefert Rosa keinen Lösungsalgorithmus.

Da bleibt nur noch Google.

Dort findet sie in etwa das Folgende:

„Ein Corporal ist ein Unteroffiziersgrad in der US Armee gleichzusetzen mit dem Oberstabsgefreiten“.

Also ein drakonischer Kommandeur, der unter den jungen Offizieren für Zucht und Ordnung sorgt. Mhh, haben wir jetzt einen Kriegsveteranen bei uns? Ein neues soziales Projekt?

Da hat Rosa einen Geistesblitz: Der Kunde hatte doch was über den Newsletter gesagt. Was war da noch gleich das Thema? Corporate Design? Ja, das war’s. Das Flash-Word für einheitliches Design in Werbematerialien oder -maßnahmen der Kunden. Rosa stutzt. Sie hält kurz inne und schmunzelt.

Das ist es. Der Kunde hat aus dem Corporate Design einen neuen Mitarbeiter für 8-Grad-Süd gemacht: den Corporal Design.

Einen Corporal der Gestaltung zu haben wäre nicht schlecht. Corporal D. wäre ein unerschrockener Held der Farben und Formen. Es gäbe nichts, was er noch nicht gesehen hätte, mit allen Wassern wäre er gewaschen, ein hartgesottener Typ. Er fände die kleinsten Unstimmigkeiten und doppeltesten Leerzeichen in jedem Dokument. Jeder Amateurdesigner würde vor Ehrfurcht und purer Angst zittern, wenn der Corporal mit seinem Zeigefinger auf eine abweichende Schriftart oder die schlecht-improvisierte Farbgebung zeigte. Hart aber herzlich wäre er – der gute alte Mr. D.. Gelegentlich nähme er einen ruhigen Zug aus seiner Holzpfeife, während sein prüfender Blick jede gestalterische Ungereimtheit sofort entlarvte.

Aber wäre dieser Mitarbeiter so neu? Eigentlich wimmelt es in der Agentur nur so von grafikkorrigierenden Drillseargants und Typographiegenerälen. Rosa ist selbst eine oberstabsgefreite Erbsenzählerin der ersten Stunde. Das macht sich auch in ihrem Privatleben bemerkbar.

Sie erinnert sich an all die Dates, bei denen sie mehr Augen für die Analyse der Speisekarten-Gestaltung als ihr Gegenüber hatte. Je schlechter das Aussehen der Speisekarte desto schlechter der Ausgang des Abends. Außerdem werden seit ihrer Ausbildung als Grafikerin und ihrem Hass auf die Schrift Comic Sans die selbstgemachten Fotobücher ihrer Mutter in Rosas Gegenwart nicht einmal mehr erwähnt.

Dinge auf Einhaltung der Designregeln zu untersuchen ist eine Berufskrankheit in der Grafikbranche.

Dem folgt, dass in jedem Gestalter auch ein kleiner Corporal Design steckt, ein kleiner Oberst des Bunten aber Stimmigen.

Rosa sieht das auch so. Sie seufzt noch einmal ob der tropischen Temperaturen und nimmt den Hörer in die Hand:

„Hallo Herr Heinz, Corporal Design hier! Was kann ich für Sie tun?“